CHRISTINE KRÖGER

LESEPROBE - „DICKES DEUTSCHLAND“

Die Rolle verarbeiteter Lebensmittel

In der Debatte um Übergewicht und Adipositas spielt die Qualität der konsumierten Lebensmittel eine Schlüsselrolle. Im Fokus stehen dabei hochverarbeitete Lebensmittel, die in deutschen Supermärkten die Regale dominieren. Diese Produkte sind oft vollgepackt mit Zucker, gesättigten Fetten und künstlichen Zusatzstoffen, während wichtige Nährstoffe auf der Strecke bleiben.

Inzwischen sind über 80 Prozent der im Handel angebotenen Nahrungsmittel verarbeitet, angereichert mit einer Vielzahl von Zusatzstoffen, deren langfristige Auswirkungen auf den menschlichen Organismus noch nicht vollständig verstanden sind. Diese Lebensmittel, die für Bequemlichkeit und lange Haltbarkeit optimiert sind, bringen häufig unseren Stoffwechsel und unsere natürlichen Ernährungsgewohnheiten durcheinander. Sie enthalten oft übermäßig Zucker, Salz und Fette sowie künstliche Zusätze, die den Geschmack verstärken und die Haltbarkeit verlängern, aber zugleich das Risiko für verschiedene Gesundheitsprobleme erhöhen.

Der Clou: Diese Lebensmittel haben viele Kalorien, machen aber nicht lange satt. Das Ergebnis? Wir essen mehr, als wir brauchen. Noch dazu bringen die ganzen Chemikalien, wie Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker, unseren Hunger-Satt-Rhythmus durcheinander und kurbeln den Appetit an. Diese Mischung ist Gift für unsere Waage und unsere Gesundheit.

Abgesehen davon mangelt es diesen industriellen Produkten absichtlich an wertvollen Inhaltsstoffen natürlicher Nahrung, wie zum Beispiel Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralien. Diese würden normalerweise ein natürliches Sättigungsgefühl erzeugen und als biologische Appetitzügler wirken. Doch dieser Effekt ist logischerweise von der Industrie nicht gewünscht.

Tatsächlich kann Junk Food eine Sucht erzeugen, ähnlich wie Drogen. Forschungen, darunter eine Studie des Scripps Research Institute. Die, die bereits 2010 erschien, belegen dies. Inhaltsstoffe wie hochkonzentrierter Fruktosesirup, Mononatriumglutamat, hydrierte Öle und raffiniertes Salz in verarbeitenden Lebensmitteln können ähnliche Effekte auf das Gehirn haben wie Kokain. Drogen lösen im Gehirn die Freisetzung von Dopamin, dem Glückshormon, aus. 

Wissenschaftliche Studien haben bestätigt, dass bei Drogenabhängigen und Personen, die süchtig nach Junk Food sind, ähnliche Prozesse im Gehirn ablaufen. Beide Formen der Abhängigkeit involvieren das Belohnungssystem des Gehirns, insbesondere die Freisetzung des Neurotransmitters Dopamin. Die konstante Stimulation dieses Belohnungssystems, sei es durch Drogenkonsum oder den übermäßigen Verzehr von hochkalorischer Nahrung, führt zu einer verminderten Empfindlichkeit der Dopaminrezeptoren. Dieser Prozess bewirkt eine Toleranzentwicklung. Immer höhere Mengen an Stimulanzien werden benötigt, um das gleiche Gefühl der Zufriedenheit oder des Glücks zu erreichen. 

Wahrscheinlich denken wir gar nicht darüber nach, dass Fertiggerichte, Würste, Chips und Co. hochverarbeitet sind. Auf der Packung steht ja schließlich nichts davon. Dann kann es so schlecht ja nicht sein, oder? Herzlich willkommen in unserer adipogenen Welt, wo überall kalorienreiche Leckereien lauern, die es uns fast unmöglich machen, gesunde Entscheidungen zu treffen. Unsere Erfrischungsgetränke? Gesüßt bis zum Gehtnichtmehr. Die Inhaltsstoffe verarbeiteter Lebensmittel? Ein Rätsel für jeden Durchschnittsbürger, der keinen Abschluss in Lebensmittelchemie hat.

Die sozialen und psychologischen Aspekte

Übergewicht ist nicht nur eine physische Herausforderung, sondern auch eine psychologische und soziale. Die Stigmatisierung von übergewichtigen Menschen ist in vielen Bereichen des sozialen Lebens präsent und kann sogar zu Diskriminierung führen. Darüber hinaus erschweren Selbstwertprobleme und sozialer Druck den Weg zu einem gesünderen Lebensstil.

Der tägliche Kampf gegen Vorurteile und körperliche Einschränkungen hält viele Menschen mit Übergewicht oder Adipositas in einem Kreislauf von Stress, Depression und sozialer Ausgrenzung gefangen. Diese Probleme ziehen weitreichende Konsequenzen nach sich, die das Leben der Betroffenen nicht nur körperlich, sondern auch psychisch stark beeinträchtigen. Oft kämpfen sie mit tiefgreifenden psychischen Belastungen, die aus der ständigen Konfrontation mit Vorurteilen und Ausgrenzung resultieren.

Bewusstsein und Prävention

In Deutschland zeichnet sich eine besorgniserregende Gesundheitskrise ab, die mehr als nur einfache Antworten oder Willensstärke erfordert. Wir stehen vor der gewaltigen Herausforderung des Übergewichts und der Adipositas – ein Problem, das in seiner Komplexität und Tiefe beispiellos ist.

Es ist ein Irrglaube, dass bloßes Kalorienzählen oder verstärkte Selbstkontrolle die Lösung sind. Nein, dieser Gesundheitsnotstand ist vielschichtig, verwurzelt in einer Vielzahl von Faktoren, die von persönlichen Lebensbedingungen bis hin zu übergeordneten gesellschaftlichen Strukturen reichen.

Was wir brauchen, ist ein revolutionärer, ganzheitlicher Ansatz. Ein Ansatz, der über die Grenzen der Ernährung hinausgeht und psychologische, soziale sowie umweltpolitische Faktoren berücksichtigt. Wir müssen erkennen, dass die Bekämpfung von Übergewicht und Adipositas nicht nur eine Frage der individuellen Gesundheit ist, sondern auch eine der gesellschaftlichen Verantwortung. Indem wir diesen umfassenden Ansatz verfolgen, haben wir die Chance, nicht nur die Verbreitung von Übergewicht effektiver zu bekämpfen, sondern auch die Qualität unserer Lebensmittel zu verbessern und einen positiven Einfluss auf die Gesundheit unserer Umwelt auszuüben. 

Quellen:

  1. NCD Risk Factor Collaboration (NCD-RisC) (2016):Trends in adult bodymass index in 200 countries from 1975 to 2014: A pooled analysis of 1698 population-based measurement studies with 1902 million parti- cipants.The Lancet; 387(10026): 1377–1396
  2. OECD:The Heavy Burden of Obesity –The Economics of Prevention. 10. Oktober 2019. https://www.oecd- ilibrary.org/sites/67450d67-en/index.html?itemId=/content/publication/67450d67-en&mimeType=text/ html (abgerufen am 23.03.2020).
  3. https://www.sciencedaily.com/releases/2013/01/130131083755.htm
  4. https://www.oecd-ilibrary.org/sites/6cc2aacc-en/index.html?itemId=/content/component/6cc2aacc-en
  5. https://adipositas-gesellschaft.de/ueber-adipositas/kosten-der-adipositas-in-deutschland/
  6. Johnson PM, Kenny PJ. „Dopamine D2 receptors in addiction-like reward dysfunction and compulsive eating in obese rats.“ Nat Neurosci. 2010 May;13(5):635-41
  7. Kenny PJ. „Common cellular and molecular mechanisms in obesity and drug addiction.“ Nat Rev Neurosci. 2011 Oct 20;12(11):638-51. doi: 10.1038/nrn3105